Die Schriftwahl ist die sichtbarste typografische Entscheidung und die am wenigsten wichtige. Größe, Zeilenlänge, Zeilenabstand und Kontrast bestimmen die Lesbarkeit; die Schrift bestimmt den Charakter. Beides ist nicht dasselbe.
Prüfkriterien für eine Fließtextschrift
Bevor eine Schrift infrage kommt, drei Tests, die je eine Minute dauern:
1. Verwechslungstest. Sind großes I, kleines l und Ziffer 1 unterscheidbar? Sind 0 und O unterscheidbar? Bei vielen geometrischen serifenlosen Schriften nicht, was bei Adressen, Nummern und Codes ein Problem ist.
2. Größentest. Die Schrift in 16 Pixel setzen und einen Absatz lesen. Schriften mit kleiner x-Höhe wirken bei derselben Punktgröße kleiner und brauchen mehr.
3. Umlauttest. Ä, Ö, Ü, ä, ö, ü, ß in Groß- und Kleinschreibung. Freie Schriften haben teils keine oder schlecht gezeichnete Umlaute, und für deutschsprachige Seiten ist das ein Ausschlusskriterium. Bei großen Versalien mit Umlaut ist zu prüfen, ob die Punkte über der Zeile Platz haben.
Weitere Kriterien:
- Verfügbare Schnitte. Regular und Semibold als Minimum, Italic wenn benötigt
- Zahlenformen. Für Tabellen sind Zahlen gleicher Breite nützlich, damit Spalten ausgerichtet bleiben
- Zeichenumfang. Anführungszeichen in deutscher Form, Gedankenstrich, Auslassungspunkte
- Abstandsarbeit. Erkennbar daran, ob Buchstabenpaare gleichmäßig wirken, etwa bei AV, To, ff
Kombinieren
Über Gattungskontrast, nicht über kleine Unterschiede. Eine Serifenschrift für Überschriften mit einer serifenlosen für Text funktioniert, weil der Unterschied klar ist. Zwei ähnliche serifenlose Schriften wirken wie ein Versehen.
Bewährte Ansätze:
- Serifenlose Überschriften mit Serifen-Fließtext, oder umgekehrt
- Eine schmale, kräftige Schrift für Überschriften mit einer neutralen für Text
- Eine einzige Familie in zwei Schnitten, etwa Bold für Überschriften und Regular für Text. Der ruhigste Ansatz und für viele Projekte ausreichend
Zwei Familien genügen. Drei sind vertretbar, wenn die dritte nur für kleine Auszeichnungen dient. Ab vier wird es unruhig und kostet Ladezeit.
Was der Charakter aussagt
Grob und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
| Gattung | Wirkung | Passt zu |
|---|---|---|
| Serifenlos, geometrisch | sachlich, modern | Technik, Beratung |
| Serifenlos, humanistisch | freundlich, lesbar | fast alles |
| Serifen, klassisch | verbindlich, traditionell | Kanzlei, Handwerk, Kultur |
| Serifen, modern | redaktionell, wertig | Magazine, Fachportale |
| Schmal, kräftig | markant, laut | Überschriften, Sport, Handwerk |
| Schreibschrift | persönlich | sparsam, nie für Fließtext |
Die letzte Zeile ist die, gegen die am häufigsten verstoßen wird. Schreibschriften sind bei kleinen Größen schwer lesbar und für Fließtext ungeeignet.
Lizenzen
Freie Schriftbibliotheken. Die gängigen Schriften stehen unter Lizenzen, die kommerzielle Nutzung und Selbst-Ausliefern ausdrücklich erlauben. Der Lizenztext gehört dennoch geprüft und mit Datum dokumentiert.
Kommerzielle Schriften. Hier ist auf mehrere Punkte zu achten:
- Ist eine Weblizenz enthalten, oder nur eine Desktop-Lizenz für Druckdateien?
- Besteht eine Reichweitenbegrenzung, also eine maximale Anzahl von Seitenaufrufen?
- Ist das Selbst-Ausliefern der Dateien erlaubt, oder muss über einen Dienst des Anbieters geladen werden?
- Gilt die Lizenz unbefristet oder als Abo?
Der dritte Punkt ist praktisch relevant: Eine Schrift, die nur über den Server des Anbieters geladen werden darf, erzeugt eine Datenübertragung an einen Dritten und damit eine datenschutzrechtliche Pflicht. Siehe Google Fonts lokal.
Systemschriften als Option
Der Verzicht auf eine Webfont ist eine legitime Entscheidung: null Bytes, kein Layoutsprung, kein Datenschutzthema, sofortige Darstellung.
Der Preis ist, dass die Seite auf verschiedenen Systemen unterschiedlich aussieht. Für Dokumentation, interne Werkzeuge und Projekte, bei denen Geschwindigkeit vorgeht, ist das die beste Wahl. Für ein Portal mit eigenem Erscheinungsbild in der Regel nicht.
Nach der Auswahl
Die Schrift ist gewählt, jetzt kommt die Einbindung, und dort entscheidet sich die Ladezeit: lokal ausliefern, nur benötigte Schnitte, Zeichensatz begrenzen, Anzeigeverhalten setzen, Ersatzschrift in den Maßen abstimmen. Details in Webfonts optimieren, die typografischen Werte in Typografie für Websites.