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Barrierefreiheit

Barrierefreiheit testen: Werkzeuge und der Ablauf in zwei Stunden

Ein praktikabler Prüfablauf für Barrierefreiheit: was WAVE, axe, Lighthouse und PAC finden, ein manueller Testplan in zehn Schritten, die Grenzen automatischer Tests und wie man Befunde priorisiert und dokumentiert.

Zuletzt geprüft: 22.08.2026 Lesezeit ca. 5 Minuten

Barrierefreiheit lässt sich zum größten Teil selbst prüfen, ohne Budget und ohne Spezialwissen. Der folgende Ablauf braucht etwa zwei Stunden für eine kleine Website und findet den überwiegenden Teil der auffindbaren Verstöße. Er ist zugleich die Grundlage für die Barrierefreiheitserklärung, die den Prüfstand dokumentiert.

Die Werkzeuge im Überblick

WAVE. Browser-Erweiterung, die Befunde direkt in der Seite markiert: fehlende Alternativtexte, Beschriftungen, Kontrastverstöße, Strukturprobleme. Der visuelle Ansatz macht sie zum besten Einstiegswerkzeug, weil man sieht, wo das Problem sitzt.

axe DevTools. Browser-Erweiterung mit der als Referenz geltenden Prüfbibliothek. Meldet praktisch keine falschen Alarme und ordnet jeden Befund dem WCAG-Kriterium zu. Das Werkzeug für die belastbare Liste.

Lighthouse. In Chromium-Browsern eingebaut. Der Barrierefreiheits-Wert taugt als schneller Überblick und für den Vorher-nachher-Vergleich, ersetzt aber keine Einzelprüfung: Er basiert auf derselben Prüfbibliothek wie axe, testet aber nur einen Teil der Regeln. Eine Seite mit 100 Punkten kann gravierende manuelle Verstöße haben.

Kontrastprüfer. Ein Colour-Contrast-Analyser oder das Prüfwerkzeug im Browser für die Stellen, die die Automatik nicht erfasst: Text auf Bildern, Zustände, Verläufe. Details in Kontraste prüfen.

Screenreader. Auf dem Mac eingebaut (VoiceOver), unter Windows kostenlos (NVDA), dazu die eingebauten Vorleser der Telefone. Kein Kauf nötig.

PAC. Der PDF Accessibility Checker prüft Dokumente gegen PDF/UA und WCAG. Für Websites mit Formularen und Preislisten als Anhang Pflicht, siehe Barrierefreie PDF.

PrüfungFindetFindet nicht
WAVE, axe, Lighthousefehlende Alternativtexte und Beschriftungen, Kontrast auf einfarbigem Grund, StrukturfehlerSinnhaftigkeit von Texten, Tabreihenfolge, Bedienbarkeit
TastaturtestFokusprobleme, unbedienbare Elemente, FokusfallenKontrast, Alternativtexte
Zoomtestabgeschnittene Inhalte, Überläufealles andere
Screenreaderunsinnige Vorlesereihenfolge, fehlende AnkündigungenKontrast
Kontrastprüferkonkrete Werte an ZweifelsstellenStruktur
Blick auf ein echtes GerätPraxisprobleme bei Licht und TouchStruktur

Kein Werkzeug allein genügt. Die Kombination aus automatisiertem Test, Tastaturtest und Zoomtest deckt den größten Teil ab.

Die Grenzen automatischer Tests

Der wichtigste Kalibrierungspunkt vor dem Start: Automatische Werkzeuge finden etwa ein Drittel der realen Verstöße. Der Grund liegt in der Natur der Kriterien. Maschinell prüfbar ist, was formal ist: Attribut vorhanden oder nicht, Kontrastwert über oder unter der Schwelle. Nicht maschinell prüfbar ist, was Bedeutung hat: ob der vorhandene Alternativtext das Bild sinnvoll beschreibt, ob die Tabreihenfolge der Logik der Seite folgt, ob die Fehlermeldung einem Menschen weiterhilft, ob das Menü sich mit der Tastatur wieder schließen lässt.

Daraus folgen zwei Regeln. Erstens: Ein sauberer automatischer Befund ist ein Anfang, kein Ergebnis; wer nur Lighthouse auf Grün bringt, hat die schwierigere Hälfte nicht angesehen. Zweitens, und das ist die gute Nachricht: Die Automatik-Befunde sind die abmahnfreundlichen, weil jeder Dritte sie mit demselben Werkzeug findet. Wer die automatische Liste leert, hat das juristische Risiko überproportional gesenkt, siehe BFSG-Abmahnung und Sanktionen.

Der Ablauf

Schritt 1: Seitenauswahl, 10 Minuten

Nicht die ganze Website, sondern jeden Seitentyp einmal: Startseite, eine Übersichtsseite, eine Detailseite, eine Formularseite, gegebenenfalls Kasse oder Buchung. Fünf bis acht Seiten decken die Vorlagen ab, und Fehler in einer Vorlage betreffen alle Seiten, die sie nutzen.

Schritt 2: Automatisierter Test, 20 Minuten

WAVE oder axe über jede ausgewählte Seite laufen lassen, die Befunde in eine Liste übernehmen, mit Seite, Element und Kriterium.

Die typischen Funde: fehlende Alternativtexte, Formularfelder ohne Beschriftung, Kontrastverletzungen, Überschriftenebenen mit Sprüngen, doppelte Kennungen, Links ohne erkennbaren Text.

Schritt 3: Manueller Testplan, 45 Minuten

Die zehn Prüfungen, die die Automatik nicht leisten kann, in fester Reihenfolge:

  1. Maus weglegen und die Seite vollständig durchtabben. Ist der Fokus überall sichtbar, und ist die Reihenfolge nachvollziehbar? Details in Tastaturbedienung.
  2. Sprungmarke prüfen. Erscheint beim ersten Tab ein Link zum Inhalt, und funktioniert er?
  3. Menü per Tastatur öffnen, bedienen und schließen. Landet der Fokus danach an einer sinnvollen Stelle?
  4. Jedes Formular per Tastatur vollständig ausfüllen und absenden, einmal absichtlich mit Fehler: Wird der Fehler angekündigt, benannt und ist er zu beheben?
  5. Auf 200 Prozent zoomen. Bleibt alles lesbar und erreichbar, wird nichts abgeschnitten?
  6. Fenster auf 320 Pixel Breite ziehen. Entsteht horizontales Scrollen für die ganze Seite?
  7. Alle Alternativtexte lesen (Werkzeug zeigt sie an): Beschreiben sie die Bildinformation, oder sind es Dateinamen und Floskeln? Die Maßstäbe stehen in Alt-Texte schreiben.
  8. Überschriftenstruktur anzeigen lassen. Eine H1, Ebenen ohne Sprünge, Überschriften als Gliederung statt als Optik?
  9. Kontrast an den Zweifelsstellen messen: Text auf Bildern, Zustände bei Fokus und Überfahren, Fehlermeldungen, Diagramme.
  10. Bewegung und Zeit prüfen. Läuft etwas automatisch (Slider, Video), und lässt es sich anhalten? Läuft eine Sitzung ohne Warnung ab?

Schritt 4: Screenreader, 20 Minuten

Startseite und Formularseite vorlesen lassen. Worauf zu achten ist:

  • Ergibt die Reihenfolge Sinn?
  • Sind Alternativtexte informativ oder nur Dateinamen?
  • Werden Formularfelder mit ihrer Beschriftung angekündigt?
  • Wird die Erfolgsmeldung nach dem Absenden angekündigt?
  • Sind Überschriften als Struktur nutzbar, wenn man sie einzeln ansteuert?
  • Sagen Linktexte, wohin sie führen?

Dieser Schritt liefert die meisten Erkenntnisse und wird am seltensten gemacht.

Schritt 5: Echtes Gerät, 15 Minuten

Die Seite auf einem Telefon bei Tageslicht draußen bedienen. Kontrast, Klickflächen und Ladezeit zeigen sich dort ungefiltert.

Befunde priorisieren

Nicht alles gleichzeitig. Eine sinnvolle Reihenfolge nach Wirkung:

  1. Fokus nicht sichtbar. Macht die Seite für eine ganze Nutzergruppe unbenutzbar.
  2. Formularfelder ohne Beschriftung. Betrifft die Stelle, an der Geschäft passiert.
  3. Kontrast im Fließtext. Betrifft jede Seite und viele Nutzer.
  4. Fehlende Alternativtexte bei informativen Bildern.
  5. Überschriftenstruktur.
  6. Unbedienbare Menüs und Dialoge.
  7. Alles Übrige.

Die Punkte 1 bis 3 sind meist an einem Tag zu beheben und decken den größten Teil der praktischen Auswirkung ab.

Dokumentieren

Zwei Dokumente lohnen sich:

Ein Prüfprotokoll mit Datum, geprüften Seiten, verwendeten Werkzeugen, Befunden und Status. Es ist die Grundlage für die Erklärung und für die nächste Prüfung, und im Fall einer behördlichen Anfrage das wertvollste Papier im Haus.

Eine Erklärung zur Barrierefreiheit als eigene, auffindbare Seite, nach der Muster-Gliederung in Barrierefreiheitserklärung.

Wichtig: Die Erklärung entsteht nach der Umsetzung, nicht davor. Eine Erklärung, die Konformität behauptet, während offensichtliche Verstöße bestehen, ist ein zusätzlicher Mangel. Die Pflichtenlage steht in BFSG-Pflichten.

Werkzeuge für den Selbsttest

Automatische Prüfungen finden nach übereinstimmender Einschätzung rund ein Drittel der Barrieren. Die restlichen zwei Drittel braucht Handarbeit – deshalb stehen hier zwei manuelle Verfahren mit in der Liste.

  1. Platz 1: WAVE

    Erster Überblick

    Passt für: Der schnellste Einstieg ohne Installation

    Prüft eine Seite direkt im Browser und markiert Fehler visuell im Layout. Gut geeignet, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die Probleme liegen.

    kostenlos Zu WAVE
  2. Platz 2: axe DevTools

    Genauester Automat

    Passt für: Systematische Prüfung während der Entwicklung

    Die verlässlichste automatische Prüfung, mit klarer Zuordnung zu den WCAG-Kriterien und wenig Fehlalarmen. Läuft als Browser-Erweiterung direkt an der eigenen Seite.

    Browser-Erweiterung kostenlos Zu axe DevTools
  3. Platz 3: Lighthouse

    Schon installiert

    Passt für: Regelmäßige Kontrolle ohne Zusatzwerkzeug

    In jedem Chrome enthalten und deshalb der Test, den man tatsächlich wiederholt. Der Accessibility-Wert ist grob, aber als Trendlinie über die Zeit brauchbar.

    kostenlos, in Chrome enthalten Zu Lighthouse
  4. Platz 4: Colour Contrast Analyser

    Kontraste

    Passt für: Der häufigste Mangel überhaupt

    Misst Kontrastwerte per Pipette, auch auf Bildern und Verläufen, wo automatische Prüfungen aussteigen. Zu geringe Kontraste sind der mit Abstand häufigste Befund auf deutschen Websites.

  5. Platz 5: NVDA

    Der ehrliche Test

    Passt für: Prüfen, ob die Seite ohne Blick nutzbar ist

    Kostenloser Screenreader für Windows. Eine halbe Stunde damit über die eigene Seite zeigt mehr als jede automatische Prüfung – vor allem, ob die Reihenfolge der Inhalte überhaupt Sinn ergibt.

    kostenlos Zu NVDA

Wie diese Liste zustande kommt

Sortiert wird nach dem Anwendungsfall, den der Bereich Barrierefreiheit behandelt, nicht nach Vergütung. In diesem Bereich steht hinter keinem der fünf Ziele ein Partnerprogramm. Preisangaben Stand 28.07.2026, ohne Gewähr. Maßgeblich ist immer der Preis beim Anbieter.

Häufige Fragen

Welche Werkzeuge braucht man zum Testen der Barrierefreiheit?

Für den Einstieg genügen kostenlose: eine Prüf-Erweiterung wie WAVE oder axe DevTools im Browser, Lighthouse für den schnellen Überblick, ein Kontrastprüfer, der eingebaute Screenreader des Betriebssystems und für Dokumente der PDF Accessibility Checker. Teuer ist an einer guten Prüfung nichts, nur die Auswertung braucht Zeit.

Wie viel findet ein automatisiertes Werkzeug?

Erfahrungsgemäß etwa ein Drittel der tatsächlichen Verstöße. Es findet zuverlässig, was maschinell prüfbar ist: fehlende Alternativtexte, fehlende Beschriftungen, Kontrast bei einfarbigen Hintergründen, Strukturfehler. Es findet nicht, ob ein Alternativtext sinnvoll ist.

Braucht man einen Screenreader zum Testen?

Nicht zwingend, aber er liefert die meisten Erkenntnisse. Auf beiden gängigen Systemen ist einer eingebaut. Für eine erste Prüfung genügt, sich die Startseite und eine Formularseite vorlesen zu lassen.

Wie oft sollte man prüfen?

Nach jedem größeren Update, nach jedem neuen Plugin oder eingebetteten Fremddienst und mindestens halbjährlich. Barrierefreiheit ist ein Zustand, der bei jeder Änderung verloren gehen kann.

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