Barrierefreiheit lässt sich zum größten Teil selbst prüfen, ohne Budget und ohne Spezialwissen. Der folgende Ablauf braucht etwa zwei Stunden für eine kleine Website und findet den überwiegenden Teil der auffindbaren Verstöße. Er ist zugleich die Grundlage für die Barrierefreiheitserklärung, die den Prüfstand dokumentiert.
Die Werkzeuge im Überblick
WAVE. Browser-Erweiterung, die Befunde direkt in der Seite markiert: fehlende Alternativtexte, Beschriftungen, Kontrastverstöße, Strukturprobleme. Der visuelle Ansatz macht sie zum besten Einstiegswerkzeug, weil man sieht, wo das Problem sitzt.
axe DevTools. Browser-Erweiterung mit der als Referenz geltenden Prüfbibliothek. Meldet praktisch keine falschen Alarme und ordnet jeden Befund dem WCAG-Kriterium zu. Das Werkzeug für die belastbare Liste.
Lighthouse. In Chromium-Browsern eingebaut. Der Barrierefreiheits-Wert taugt als schneller Überblick und für den Vorher-nachher-Vergleich, ersetzt aber keine Einzelprüfung: Er basiert auf derselben Prüfbibliothek wie axe, testet aber nur einen Teil der Regeln. Eine Seite mit 100 Punkten kann gravierende manuelle Verstöße haben.
Kontrastprüfer. Ein Colour-Contrast-Analyser oder das Prüfwerkzeug im Browser für die Stellen, die die Automatik nicht erfasst: Text auf Bildern, Zustände, Verläufe. Details in Kontraste prüfen.
Screenreader. Auf dem Mac eingebaut (VoiceOver), unter Windows kostenlos (NVDA), dazu die eingebauten Vorleser der Telefone. Kein Kauf nötig.
PAC. Der PDF Accessibility Checker prüft Dokumente gegen PDF/UA und WCAG. Für Websites mit Formularen und Preislisten als Anhang Pflicht, siehe Barrierefreie PDF.
| Prüfung | Findet | Findet nicht |
|---|---|---|
| WAVE, axe, Lighthouse | fehlende Alternativtexte und Beschriftungen, Kontrast auf einfarbigem Grund, Strukturfehler | Sinnhaftigkeit von Texten, Tabreihenfolge, Bedienbarkeit |
| Tastaturtest | Fokusprobleme, unbedienbare Elemente, Fokusfallen | Kontrast, Alternativtexte |
| Zoomtest | abgeschnittene Inhalte, Überläufe | alles andere |
| Screenreader | unsinnige Vorlesereihenfolge, fehlende Ankündigungen | Kontrast |
| Kontrastprüfer | konkrete Werte an Zweifelsstellen | Struktur |
| Blick auf ein echtes Gerät | Praxisprobleme bei Licht und Touch | Struktur |
Kein Werkzeug allein genügt. Die Kombination aus automatisiertem Test, Tastaturtest und Zoomtest deckt den größten Teil ab.
Die Grenzen automatischer Tests
Der wichtigste Kalibrierungspunkt vor dem Start: Automatische Werkzeuge finden etwa ein Drittel der realen Verstöße. Der Grund liegt in der Natur der Kriterien. Maschinell prüfbar ist, was formal ist: Attribut vorhanden oder nicht, Kontrastwert über oder unter der Schwelle. Nicht maschinell prüfbar ist, was Bedeutung hat: ob der vorhandene Alternativtext das Bild sinnvoll beschreibt, ob die Tabreihenfolge der Logik der Seite folgt, ob die Fehlermeldung einem Menschen weiterhilft, ob das Menü sich mit der Tastatur wieder schließen lässt.
Daraus folgen zwei Regeln. Erstens: Ein sauberer automatischer Befund ist ein Anfang, kein Ergebnis; wer nur Lighthouse auf Grün bringt, hat die schwierigere Hälfte nicht angesehen. Zweitens, und das ist die gute Nachricht: Die Automatik-Befunde sind die abmahnfreundlichen, weil jeder Dritte sie mit demselben Werkzeug findet. Wer die automatische Liste leert, hat das juristische Risiko überproportional gesenkt, siehe BFSG-Abmahnung und Sanktionen.
Der Ablauf
Schritt 1: Seitenauswahl, 10 Minuten
Nicht die ganze Website, sondern jeden Seitentyp einmal: Startseite, eine Übersichtsseite, eine Detailseite, eine Formularseite, gegebenenfalls Kasse oder Buchung. Fünf bis acht Seiten decken die Vorlagen ab, und Fehler in einer Vorlage betreffen alle Seiten, die sie nutzen.
Schritt 2: Automatisierter Test, 20 Minuten
WAVE oder axe über jede ausgewählte Seite laufen lassen, die Befunde in eine Liste übernehmen, mit Seite, Element und Kriterium.
Die typischen Funde: fehlende Alternativtexte, Formularfelder ohne Beschriftung, Kontrastverletzungen, Überschriftenebenen mit Sprüngen, doppelte Kennungen, Links ohne erkennbaren Text.
Schritt 3: Manueller Testplan, 45 Minuten
Die zehn Prüfungen, die die Automatik nicht leisten kann, in fester Reihenfolge:
- Maus weglegen und die Seite vollständig durchtabben. Ist der Fokus überall sichtbar, und ist die Reihenfolge nachvollziehbar? Details in Tastaturbedienung.
- Sprungmarke prüfen. Erscheint beim ersten Tab ein Link zum Inhalt, und funktioniert er?
- Menü per Tastatur öffnen, bedienen und schließen. Landet der Fokus danach an einer sinnvollen Stelle?
- Jedes Formular per Tastatur vollständig ausfüllen und absenden, einmal absichtlich mit Fehler: Wird der Fehler angekündigt, benannt und ist er zu beheben?
- Auf 200 Prozent zoomen. Bleibt alles lesbar und erreichbar, wird nichts abgeschnitten?
- Fenster auf 320 Pixel Breite ziehen. Entsteht horizontales Scrollen für die ganze Seite?
- Alle Alternativtexte lesen (Werkzeug zeigt sie an): Beschreiben sie die Bildinformation, oder sind es Dateinamen und Floskeln? Die Maßstäbe stehen in Alt-Texte schreiben.
- Überschriftenstruktur anzeigen lassen. Eine H1, Ebenen ohne Sprünge, Überschriften als Gliederung statt als Optik?
- Kontrast an den Zweifelsstellen messen: Text auf Bildern, Zustände bei Fokus und Überfahren, Fehlermeldungen, Diagramme.
- Bewegung und Zeit prüfen. Läuft etwas automatisch (Slider, Video), und lässt es sich anhalten? Läuft eine Sitzung ohne Warnung ab?
Schritt 4: Screenreader, 20 Minuten
Startseite und Formularseite vorlesen lassen. Worauf zu achten ist:
- Ergibt die Reihenfolge Sinn?
- Sind Alternativtexte informativ oder nur Dateinamen?
- Werden Formularfelder mit ihrer Beschriftung angekündigt?
- Wird die Erfolgsmeldung nach dem Absenden angekündigt?
- Sind Überschriften als Struktur nutzbar, wenn man sie einzeln ansteuert?
- Sagen Linktexte, wohin sie führen?
Dieser Schritt liefert die meisten Erkenntnisse und wird am seltensten gemacht.
Schritt 5: Echtes Gerät, 15 Minuten
Die Seite auf einem Telefon bei Tageslicht draußen bedienen. Kontrast, Klickflächen und Ladezeit zeigen sich dort ungefiltert.
Befunde priorisieren
Nicht alles gleichzeitig. Eine sinnvolle Reihenfolge nach Wirkung:
- Fokus nicht sichtbar. Macht die Seite für eine ganze Nutzergruppe unbenutzbar.
- Formularfelder ohne Beschriftung. Betrifft die Stelle, an der Geschäft passiert.
- Kontrast im Fließtext. Betrifft jede Seite und viele Nutzer.
- Fehlende Alternativtexte bei informativen Bildern.
- Überschriftenstruktur.
- Unbedienbare Menüs und Dialoge.
- Alles Übrige.
Die Punkte 1 bis 3 sind meist an einem Tag zu beheben und decken den größten Teil der praktischen Auswirkung ab.
Dokumentieren
Zwei Dokumente lohnen sich:
Ein Prüfprotokoll mit Datum, geprüften Seiten, verwendeten Werkzeugen, Befunden und Status. Es ist die Grundlage für die Erklärung und für die nächste Prüfung, und im Fall einer behördlichen Anfrage das wertvollste Papier im Haus.
Eine Erklärung zur Barrierefreiheit als eigene, auffindbare Seite, nach der Muster-Gliederung in Barrierefreiheitserklärung.
Wichtig: Die Erklärung entsteht nach der Umsetzung, nicht davor. Eine Erklärung, die Konformität behauptet, während offensichtliche Verstöße bestehen, ist ein zusätzlicher Mangel. Die Pflichtenlage steht in BFSG-Pflichten.