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Barrierefreiheit

WCAG und Barrierefreiheit: die Kriterien, die praktisch zählen

Die vier Prinzipien der WCAG, die Konformitätsstufen, eine AA-Kriterien-Tabelle mit Praxisbeispielen und die Neuerungen der WCAG 2.2, mit konkreter Umsetzung für normale Websites.

Zuletzt geprüft: 22.08.2026 Lesezeit ca. 5 Minuten

WCAG und Barrierefreiheit gehören zusammen wie Bauordnung und Statik: Die Web Content Accessibility Guidelines sind die technische Grundlage, an der sich Barrierefreiheit im Web bemisst. Über die europäische Norm EN 301 549 sind sie der Maßstab für die Anforderungen aus dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, siehe BFSG-Pflichten.

Sie wirken auf den ersten Blick umfangreich: Dutzende Erfolgskriterien auf drei Stufen. Bei einer normalen Inhaltswebsite sind etwa fünfzehn Kriterien tatsächlich relevant, und die decken sich weitgehend mit gutem Handwerk. Diese Seite ordnet die Prinzipien, zeigt die relevanten AA-Kriterien mit je einem Praxisbeispiel und erklärt, was WCAG 2.2 neu bringt.

Die vier Prinzipien

Wahrnehmbar. Informationen müssen so dargeboten werden, dass sie auch bei eingeschränkter Nutzung eines Sinnes zugänglich sind.

Bedienbar. Alle Bedienelemente müssen erreichbar und auslösbar sein, unabhängig vom Eingabegerät.

Verständlich. Inhalte und Bedienung müssen nachvollziehbar sein.

Robust. Inhalte müssen von Hilfsmitteln zuverlässig interpretiert werden können.

Die AA-Kriterien mit Praxisbeispiel

Die Tabelle fasst die Kriterien zusammen, die bei einer typischen Inhaltswebsite tatsächlich Arbeit erzeugen. Sie ersetzt nicht den vollständigen Kriterienkatalog, deckt aber den Teil ab, an dem Prüfungen in der Praxis scheitern.

KriteriumVerlangtPraxisbeispiel
TextalternativenAlternativtext für informative Bilder, leerer für dekorativeDas Teamfoto bekommt eine Beschreibung, die Zierlinie einen leeren Alternativtext
UntertitelUntertitel für Videos mit SpracheDas Imagevideo auf der Startseite erhält Untertitel, nicht nur Musik-Erkennung
Kontrast von Text4,5 zu 1 für Fließtext, 3 zu 1 für große SchriftHellgrau #999999 auf Weiß fällt durch, #767676 besteht knapp
Kontrast von Bedienelementen3 zu 1 für grafische Elemente und ZuständeDer Rahmen des Eingabefelds muss sich vom Hintergrund abheben
Nicht nur FarbeInformation nie allein über FarbeDas Fehlerfeld wird rot markiert und zusätzlich mit Text benannt
Text vergrößerbarBei 200 Prozent Zoom bleibt alles lesbar und erreichbarDie Navigation bricht sauber um, statt Text abzuschneiden
UmbruchBei 320 Pixel Breite kein zweidimensionales ScrollenDie Preistabelle scrollt in einem eigenen Bereich, nicht die ganze Seite
TastaturbedienbarkeitAlles per Tastatur erreichbar, keine FokusfallenDas Ausklappmenü öffnet mit Eingabetaste und schließt mit Escape
Sichtbarer FokusFokus erkennbar und ausreichend abgehobenDer Fokusring wird nicht per Stylesheet entfernt, sondern gestaltet
Sinnvolle ReihenfolgeTab-Reihenfolge entspricht der LeseordnungNach dem Logo kommt die Navigation, nicht ein Element im Fußbereich
SprungmarkeLink zum Überspringen wiederkehrender BlöckeDer erste Tab-Stopp ist “Zum Inhalt springen”
LinktexteZweck aus dem Text erkennbar“Preisliste als PDF” statt “hier klicken”
SeitenspracheHauptsprache im Markup ausgezeichnetDas lang-Attribut steht auf de, englische Zitate werden einzeln markiert
BeschriftungenFormularfelder mit echten, verknüpften LabelsDas E-Mail-Feld hat ein Label, nicht nur einen Platzhaltertext
FehlermeldungenBenennen Feld, Problem und Lösung“Bitte Telefonnummer im Format 0621 eingeben” statt “Eingabe ungültig”
VorhersehbarkeitKein Kontextwechsel ohne AuslösungDie Sprachauswahl springt nicht beim Fokussieren, sondern erst beim Bestätigen
SemantikÜberschriftenebenen folgen der GliederungEine H1 pro Seite, H2 für Abschnitte, keine H4 aus optischen Gründen
StatusmeldungenÄnderungen für Hilfsmittel wahrnehmbarDie Erfolgsmeldung nach dem Absenden wird angekündigt, nicht nur eingeblendet

Wer diese Punkte erfüllt, hat bei einer Inhaltswebsite den überwiegenden Teil der Stufe AA abgedeckt. Die übrigen Kriterien betreffen Audio- und Videoinhalte, zeitgesteuerte Abläufe und komplexe Anwendungen.

Was WCAG 2.2 neu bringt

Die Version 2.2 ergänzt die Richtlinien um einige Kriterien, von denen vier für normale Websites praktisch relevant sind:

Fokus nicht verdeckt. Das fokussierte Element darf nicht vollständig hinter anderen Inhalten verschwinden, etwa hinter einer festgehefteten Kopfzeile oder einem Cookie-Banner. Wer mit fester Kopfzeile arbeitet, prüft, dass der Fokus beim Durchtabben sichtbar bleibt.

Zielgröße. Klickflächen brauchen eine Mindestgröße von 24 mal 24 Pixel oder entsprechenden Abstand zueinander. Die Empfehlung für Touch liegt weiterhin höher, bei etwa 44 Pixel.

Konsistente Hilfe. Wenn eine Seite Hilfsmechanismen anbietet, etwa Kontaktmöglichkeiten oder einen Chat, stehen sie auf allen Seiten an derselben Stelle.

Redundante Eingaben vermeiden. Informationen, die ein Nutzer im selben Vorgang bereits eingegeben hat, werden nicht erneut abgefragt, sondern übernommen oder zur Auswahl angeboten. Das betrifft vor allem mehrstufige Formulare und Kassenstrecken.

Dazu kommt: Das alte Kriterium zur Parserfähigkeit ist entfallen, und Authentifizierung darf keine reinen Merkaufgaben verlangen, ein Passwort-Manager muss also nutzbar bleiben.

Zur Einordnung des Zusammenspiels mit dem Gesetz: Die harmonisierte Fassung der EN 301 549 verweist derzeit auf die WCAG 2.1. Die 2.2-Kriterien sind der aktuelle Stand der Richtlinien und der sinnvolle Zielwert für neue Projekte, denn wer heute 2.2 erfüllt, erfüllt 2.1 vollständig mit.

Die Konformitätsstufen

StufeBedeutung
AUntergrenze, allein nicht ausreichend
AAüblicher Zielwert, Maßstab der europäischen Norm
AAAweitergehend, selten vollständig erreichbar, nicht gefordert

Stufe AA ist der praktische Bezugspunkt. Wer sie erfüllt, erfüllt den technischen Teil der gesetzlichen Anforderung.

Was ausdrücklich nicht genügt

Ein Overlay-Widget. Skripte, die per Schaltfläche Kontraste oder Schriftgrößen umschalten, beheben keines der oben genannten Kriterien. Ein fehlender Alternativtext bleibt fehlend.

Ein automatisierter Test allein. Prüfwerkzeuge finden zuverlässig fehlende Alternativtexte, fehlende Beschriftungen und Kontrastprobleme bei einfarbigen Hintergründen. Sie finden nicht, ob ein Alternativtext sinnvoll ist, ob die Tabreihenfolge logisch ist oder ob eine Fehlermeldung hilft.

Eine einmalige Prüfung. Jedes Update, jedes neue Plugin und jede eingebettete Fremdkomponente kann Kriterien brechen. Der Prüfablauf steht in Barrierefreiheit testen.

Wo anfangen

Die Reihenfolge mit der größten Wirkung pro Stunde: zuerst Kontraste prüfen und beheben, dann die Tastaturbedienung herstellen, dann Alternativtexte und Formularbeschriftungen ergänzen. Diese drei Baustellen decken die häufigsten Verstöße ab und sind bei einer kleinen Website an einem Arbeitstag zu schaffen. Dokumente nicht vergessen: Für angehängte Dateien gelten dieselben Maßstäbe, siehe Barrierefreie PDF.

Werkzeuge für den Selbsttest

Automatische Prüfungen finden nach übereinstimmender Einschätzung rund ein Drittel der Barrieren. Die restlichen zwei Drittel braucht Handarbeit – deshalb stehen hier zwei manuelle Verfahren mit in der Liste.

  1. Platz 1: WAVE

    Erster Überblick

    Passt für: Der schnellste Einstieg ohne Installation

    Prüft eine Seite direkt im Browser und markiert Fehler visuell im Layout. Gut geeignet, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die Probleme liegen.

    kostenlos Zu WAVE
  2. Platz 2: axe DevTools

    Genauester Automat

    Passt für: Systematische Prüfung während der Entwicklung

    Die verlässlichste automatische Prüfung, mit klarer Zuordnung zu den WCAG-Kriterien und wenig Fehlalarmen. Läuft als Browser-Erweiterung direkt an der eigenen Seite.

    Browser-Erweiterung kostenlos Zu axe DevTools
  3. Platz 3: Lighthouse

    Schon installiert

    Passt für: Regelmäßige Kontrolle ohne Zusatzwerkzeug

    In jedem Chrome enthalten und deshalb der Test, den man tatsächlich wiederholt. Der Accessibility-Wert ist grob, aber als Trendlinie über die Zeit brauchbar.

    kostenlos, in Chrome enthalten Zu Lighthouse
  4. Platz 4: Colour Contrast Analyser

    Kontraste

    Passt für: Der häufigste Mangel überhaupt

    Misst Kontrastwerte per Pipette, auch auf Bildern und Verläufen, wo automatische Prüfungen aussteigen. Zu geringe Kontraste sind der mit Abstand häufigste Befund auf deutschen Websites.

  5. Platz 5: NVDA

    Der ehrliche Test

    Passt für: Prüfen, ob die Seite ohne Blick nutzbar ist

    Kostenloser Screenreader für Windows. Eine halbe Stunde damit über die eigene Seite zeigt mehr als jede automatische Prüfung – vor allem, ob die Reihenfolge der Inhalte überhaupt Sinn ergibt.

    kostenlos Zu NVDA

Wie diese Liste zustande kommt

Sortiert wird nach dem Anwendungsfall, den der Bereich Barrierefreiheit behandelt, nicht nach Vergütung. In diesem Bereich steht hinter keinem der fünf Ziele ein Partnerprogramm. Preisangaben Stand 28.07.2026, ohne Gewähr. Maßgeblich ist immer der Preis beim Anbieter.

Häufige Fragen

Was haben WCAG und Barrierefreiheit nach BFSG miteinander zu tun?

Das BFSG benennt die Pflicht, die WCAG liefern den technischen Maßstab. Die Brücke ist die europäische Norm EN 301 549, die für Webinhalte im Kern die WCAG-Kriterien übernimmt. Wer die WCAG auf Stufe AA erfüllt, erfüllt den technischen Teil der gesetzlichen Anforderung.

Welche Konformitätsstufe ist gefordert?

Stufe AA ist der übliche Zielwert und der Maßstab, an dem sich die europäische Norm EN 301 549 orientiert. Stufe A ist die Untergrenze und für sich genommen nicht ausreichend, Stufe AAA ist selten vollständig erreichbar und nicht gefordert.

Was ist der Unterschied zwischen WCAG 2.1 und 2.2?

Version 2.2 ergänzt einige Kriterien, unter anderem zu Fokus-Sichtbarkeit, Zielgrößen für Zeigereingaben, Hilfe an konsistenter Stelle und der Vermeidung redundanter Eingaben. Wer 2.1 auf Stufe AA erfüllt, hat den größten Teil von 2.2 ebenfalls.

Muss man alle Kriterien kennen?

Nein. Von den Kriterien der Stufe AA werden bei einer typischen Inhaltswebsite etwa fünfzehn tatsächlich relevant. Die übrigen betreffen Medien, komplexe Anwendungen oder Fälle, die auf der Seite nicht vorkommen.

Wie dokumentiert man Konformität?

Über eine Erklärung zur Barrierefreiheit, die den Stand, das Prüfverfahren, bekannte Einschränkungen und eine Kontaktmöglichkeit für Rückmeldungen benennt. Eine Erklärung ohne vorherige Umsetzung ist ein zusätzlicher Mangel.

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